Mehrtagesfahrt Marienbad (Tschechische Republik) 10.-13.06.1993

Wenn der MGV schon eine Reise plant, und in die Tat umsetzt, dann aber richtig. So folgten exakt 100 Personen der Einladung, an der Fahrt teilzunehmen. Hauptsächlich 2 Gründe mögen Ursache für diesen Zuspruch gewesen sein: 1. Das überwältigende Echo der Reise nach Südtirol 1 1/2 Jahre zuvor und 2. das Reiseziel als solches - Heimat einiger Bewohner unserer Gegend.

 

10. Juni: Der erste und damit Anreisetag war der eindrucksvollste der gesamten Reise und nimmt insofern den breitesten Raum in diesem Bericht ein. Pünktlich gegen 6:oo Uhr bevölkerten die Reiselustigen die bekannten Cleeberger Haltestellen, um wenig später die Busse zur Abfahrt nach Marienbad zu erklimmen. Bezüglich der Busbesetzung ergab sich eine grobe Zwei-Teilung: Im ersten Bus befanden sich alle Jugendliche, dazu einige, die während der Reise jung zu bleiben hatten. Das gesetztere Alter dagegen hatte den 2. Bus für sich. Die Anreise verlief während der gesamten Dauer ohne nennenswerte Störungen, sieht man einmal davon ab, daß sich ein feindlich gesinnter Tirschenreuther Vogel über dem Kopf eines Cleebergers Sängers entleerte. Wie bei einem Staatsempfang wurden die Cleeberger unmittelbar hinter der Grenze zwar nicht mit Pauken und Trompeten, dafür aber von Otto Hecht mit der Vereins-Fan-Fahne begrüßt.

Die Fahrt ging dann direkt nach Marienbad, vorbei an einigen Vororten; das genügte jedoch schon, einen Vergleich zu den wenige Kilometer entfernten deutschen Dörfern an der tschechischen Grenze anstellen zu können. Wodurch diese unübersehbaren Unterschiede zustande kamen, konnte unser eigener Reiseführer Otto Hecht anschaulich erklären. Es fiel auf, daß bei fest jeder Wohnung das rostige Balkongeländer durch eine putzsaubere Satellitenantenne geschmückt wurde.

Unser Hotel "Rübezahl" sah von weitem aus, wie das Schloß aus einem Grimm’schen Märchen, nur nähern durfte man sich ihm nicht, denn dann platze die Illusion eines Märchenschlosses wie eine Seifenblase: Der Putz bröckelte an allen Ecken und Enden. Die Hotelzimmer waren von einer schlichten Eleganz. Neben dem Bett, einem Vorkriegsmodell, Stuhl und Tisch, befand sich als farbiger Kontrast stilgerecht die Reproduktion eines unbekannten abstrakten Meisters an der Wand. Duschen waren ja jedem Zimmer angegliedert, nur wo waren die Toiletten? Die Lösung fand sich bald: Es gab Etagentoilette, wobei eine solche für schätzungsweise 30 Hotelgäste zur Verfügung stand. Zunächst nicht allzu ungewöhnlich, allerdings sollten sich gewisse Engpässe am nächsten Morgen einstellen. Hinzu kam noch, daß die Toiletten von innen nicht verriegelbar waren, was allerdings dem Erfindergeist Cleeberger Busreisender sehr dienlich war. Er, der Erfindergeist, reichte von Aufstellen von Wachposten über das Verteilen von Platzkarten und Ankleben von "Besetzt"- und "Frei"-Schildern bis hin zu dem Von-Innern-Her-Zuhalten der Tür. Insgesamt erfüllte da Hotel den Standard der frühen 50er Jahre. Zwischen dem Mittagessen und dem abendlichen Auftritt in der Klosterkirche Tepl war noch so viel Zeit, daß man zu einem Stadtbummel aufbrechen konnte, wozu man nicht den bequemsten, sondern den kürzesten Weg, den über die alpine Steilabfahrt wählte. Mit Entsetzen dachte manch einer bereits an den Rückweg zum Hotel, doch es sollte noch schlimmer kommen.

Nachdem man sich einen ersten Eindruck von der City Marienbads verschafft und sich an dem köstlichen, nach Schwefel schmeckenden, Heilwasser gelabt hatte, begaben sich viele zur Bushaltestelle, um mit öffentlichen Verkehrsmitteln wieder zum Hotel zu gelangen, doch der nächste Bus fuhr erst in einer Stunde - viel zu spät also. Als Alternative zum unbequemen Fußmarsch blieb dann nur noch eine Taxi-Fahrt übrig. Wer sich dazu entschloß, konnte hautnah und live die Bergetappe einer Rallye Monte Carlo miterleben. Beflügelt von der Erwartung des großen Geschäftes, heizten die vollbesetzten Taxen in der geschilderten Weise, ohne Rücksicht auf Gegenverkehr, Getriebe oder Insassen den Berg zum Hotel hinauf, um wenige Minuten später eine 2. Fuhre Cleeberger Bürger zu transportieren.

Schon kurz nachdem sich der Schock der Taxifahrt gelegt hatte, brachte uns der Bus zum Kloster Tepl, wo wir den Fronleichnamsgottesdienst musikalisch umrahmen durften. Noch während der Fahrt dorthin setzte ein schweres Gewitter ein. Wegen des starken Regens hatten viele den Weg vom Busparkplatz zur Klosterkirche im schnellen Laufschritt zurückgelegt, und wer zu schnell lief, spritzte sich die Rückenpartie des weißen Hemdes voller Dreck. Die Atmosphäre, die während des Gottesdienstes und der nachfolgenden Prozession herrschte, läßt sich kaum mit Worten beschreiben. Man mußte einfach dabei gewesen sein, um diesen schaurig-gruseligen, geisterhaften, dann aber auch wieder erheiternden Eidruck zu empfinden. Hier sollen jetzt nur stichwortartig die Rahmenbedingungen genannt werden: hautenges Gedränge, Stromausfall, Dunkelheit, Kerzengeflacker, von unten her beleuchtete geisterhaft-aussehende Gesichter auf der gegenüberliegenden Seite des Chorgestühls, monotoner Gesang der Litanei durch den Prior, hallender Klang der von uns gesungenen Lieder, Weihrauchschwaden, Blitze, Donnergetöse, Stuhlgetöse - verursacht durch Verwechslung des Chorgestühls mit Kinositzen. Es fehlte nur noch eine knarzend-quietschend aufgehende Tür durch die ein Gerippe oder eine Marienerscheinung die Kirche betritt. Dann die Teilnahme an der Prozession, die durch die Wandelgänge des Klosters führte. Der Blick jedes einzelnen wanderte dabei vom verwahrlosten Innenhof über die Gerüste an den bröckelnden Fassaden, die defekten Heizkörper in den Fensternischen bis hin zu den baufälligen Innenräumen entlang des Prozessionsweges, dazu unterlegten weiterhin Regenprasseln, Blitz, Donner, Weihrauchschwaden, Schellengeklingel, Litanei-Gesänge und ein kruzifixtragender Mönch in weißer Kutte vorneweg das schaurig-schöne Umfeld. Jedem, der dabei war, werden diese knapp drei Stunden in ewiger Erinnerung bleiben, Es war das Schlüsselerlebnis dieser Fahrt.

Zurück im Hotel wurde das Abendessen gereicht. Als dann der 2. Vorsitzende mit seiner Gattin das Schlafgemach aufsuchen wollte, standen beide vor verschlossener Tür. Der Junior hatte aus Furcht von unliebsamen Überraschungen den Eingang von innen her verschlossen und den Schlüssel stecken lassen. Alles rufen und Poltern konnte kein Öffnen herbeiführen. Es blieb nur noch der Weg über das Dach. Trotz aller Dementis des Vaters, sickerte allerdings durch, daß der Sprößling die Tür verschloß, um endlich eine sturmfreie Bude zu haben.

 

11. Juni: Frühaufsteher erlebten an diesem Morgen eine nicht alltäglichen, aber bei der Fahrweise der Taxen nicht unerwarteten Unfall: Ein Autofahrer verpaßte die Kurve zum Hotel "Rübezahl" und fuhr geradewegs in einen Teich hinein. Nachdem der Fahrer triefendnaß die glückliche Bergung seines Skoda miterlebt hatte, begehrte er erst einmal eine deutsche Zigarette.

Für die Cleeberger stand an diesem Morgen "Heimatkunde! Auf dem Stundenplan. Otto Hecht verstand es in seiner ureigensten Weise ganz hervorragend, an einzelnen Beispielen Geschichte der Region, Land und Leute näherzubringen. Der Weg führte zu den Geburtsstätten einiger Cleeberger aus dem Egerland. Abschluß der Sightseeing-Tour war das Hotel "Ohne Sorge" oder auf gut tschechisch "Sansscousi" in Karlsbad. Ein Bauwerk gleichen namens in dem weiter nördlich liegenden Potsdam zu finden, hätte sich wesentlich unproblematischer gestaltet. So irrten wir quer durch die Stadt, bis uns schließlich ein Taxi (sinnigerweise) auf den rechten Weg brachte.

Nach dem Essen im Hotel "Sansscousi" mußten wir gleich wieder aufbrechen, da wir am späten Nachmittag unser Konzert in den Kolonnaden von Marienbad geben wollten. Das unter Zeitdruck stehende Einsingen fand teils vor, teils schon im Bus statt und war dementsprechend katastrophal. Dirigenten Bohm standen bereits jetzt die Schweißperlen auf der Stirn und er versuchte vergebens, die eigene Nervosität zu unterdrücken. Trotzdem wurde das Konzert ein voller Erfolg, sowohl quantitativ als auch qualitativ. Die elf Lieder vom großen und acht vom kleinen Chor begeisterten das anwesende Publikum, das allerdings zu einem nicht geringen Teil aus eigenen Fans bestand. Die Blaskapelle, die ursprünglich zusammen mit uns auftreten sollte, war gar nicht erst erschienen, sicherlich fürchteten die Herren unsere Konkurrenz.

Sehr beschaulich begann der "Gemütliche Abend" am Abend, und bereits gegen 22:00 Uhr freuten sich die ersten, endlich zeitig ins Bett zu kommen. Es mußte dann der Krim-Sekt gewesen sein, der plötzlich am Stimmungsrad gedreht hatte. Es gab sonst keine Erklärung, warum von einer Minute auf die andere zwei Stimmungskanonen (Werner Jung und Franz Sichert) auf Hochtouren liefen. Der Funke sprang auch auf die Musikanten über, die mit ihrem gesamten Repertoire von böhmischer Blasmusik bis hin zu fetzigen Rocktiteln aufwarteten. Ausgelassen tanzte die Abendgesellschaft zu den Klängen der Musik, wobei sogar der Hemdsärmel des 2. Vorsitzenden Hartmut Schmidt im Eifer des Gefechts in Mitleidenschaft gezogen wurde. Lediglich ein Tanzpaar (Christa Krämer und Jörg Reif) versuchte sich am Zillertaler Hochzeitsmarsch in Zeitlupe.

Die Vibrationen, die unser Kassenwart Manfred Senft durch Hüpfen auf der Tanzfläche, die aus lockerem Parkett bestand, auslöste, verursachten wunderschöne Nebeleffekte - aus aufgewirbeltem Staub.

Spät, sehr spät, kam an diesem Abend einer nach dem anderen ins Bett. Zwei weibliche Gäste allerdings mußten wegen Überbelegung (oder war es Rücksichtnahme?) Teile der Nacht auf den Stufen im Flur zubringen. Sie erfuhren jedoch Solidarität und Mitgefühl durch einen Passanten.

Ein anderer Gast war in dieser Nacht überhaupt nicht ins Bett gekommen. Er verwickelte die Damen des Putzgeschwaders in anredende Gespräche (in welcher Sprache fanden diese wohl statt?), wobei der Krim-Sekt in Strömen, sogar aus Kaffee-Tassen, geflossen sein soll.

 

12. Juni: Der Vormittag des dritten Tages, ein Samstag, stand zur freien Verfügung. Fast alle nutzten die Gelegenheit, Marienbad erneut ins Visier zu nehmen, und der Lieben zu Hause wurde durch den Kauf von Geschenken gedacht. Während der Rückfahrt zum Hotel herrsche ein reger Informationsaustausch über die Art der Mitbringsel und für wen sie bestimmt waren. Oblaten, die dortige Spezialität, hatte jeder in rauhen Mengen eingekauft und einen Großteil auch bereits selbst verzehrt.

Geeignete Wetterbedingungen (es goß in Strömen und es blies ein eiskalter Wind) veranlaßten uns am nachmittag zu einem Ausflug auf die Hochebene des Glazen. Dort fand bei diesem idealen Klima ein Spaziergang um ein Hochmoor statt. Für die Umgebung durfte man dabei keinen Blick übrig haben, da jeder noch so kurze Moment der Unachtsamkeit durch eine Fehltritt von dem nur wenige Zentimeter breiten Bohlenuferweg und Sturz in den Morast bestraft wurde.

Ein neben dem Busparkplatz blühendes Gewächs entfachte eine fachwissenschaftlich-botanische Diskussion über den Namen der Blume. Mutmaßungen, ob Alpenveilchen, Wiesenschaumkraut oder Sumpfdotterblume erwiesen sich als falsch. Es handelte sich um eine Myosotis, landläufiger als Vergißmeinnicht bekannt. Das Abpflücken eines rhabarberblattgroßen Blattes als Schirmersatz durch und für zwei Unbeschirmte arte fast zu einer Slapstick-Demonstration aus, da das Blatt heftigsten Widerstand leistete. Seine Verwendung fand es dann schließlich als überdimensionales Feigenblatt vor allzu neugierigen Fotografenaugen, die Bilder von pinkelnden Menschen machen wollten.

Den Abend verbrachten die Cleeberger anfangs im Restaurant-Nebenseitenraum, dann wieder in der Hotelbar die übrigens die Gemütlichkeit und das Flair einer Bahnhofsgaststätte hatte.

 

13. Juni: Nach dem Frühstück, übrigens wurde für einige jedes Frühstück zum Katerfrühstück, und nach dem halten der Abschieds- und Dankesreden durch den 1. Vorsitzenden, konnten wir René Arabin mit verschiedenen Liedern zum 18. Geburtstag gratulieren. Diese Lieder erfreuten auch einen amerikanischen Gast des Hotels, leider versäumte er, uns in die USA einzuladen.

Der erste Stopp unserer Rückfahrt fand in Eger statt, der Stadt am gleichnamigen Fluß in der gleichnamigen Landschaft. Der Bus mußte im Rotlichtviertel parken, gleich gegenüber einem Etablissement, das dem "Moulin Rouge" in Paris hinsichtlich dem äußeren Erscheinungsbild kaum nachstand. Was allerdings das Erscheinungsbild der vorbeiflanierenden Damen betraf, so hätte manch einer gerne seine letzten Kornen an den Mann äh ... Dame gebracht, wenn da nicht die eigenen Damen gewesen wären.

In Eger fanden wir einen Stadtführer, der genau so schnell sprach, wie Dieter Thomas Heck in seinen Glanzzeiten. Er paßte sich mit der Geschwindigkeit der Darbietung seiner Informationen lediglich unserem Zeitdruck an. Der Erfolg war leider, daß viele Informationen in gleicher Weise am Ohr des Zuhörer vorbeirauschten. Unter Zeitdruck wurde auch das Mittagessen eingenommen - und das in Wechselschicht. Jeder der Schichten hatte exakt eine Stunde Zeit für Platznehmen, Bestellen, Essen, Bezahlen und Verlassen der gastliche Stätte. Einige schafften innerhalb der Zeit sogar noch den Gang aufs Klo.

Länger Autobahnfahrten können die Phantasie und den Spieltrieb speziell jüngerer Reisender beflügeln. So erfand man ein Spiel, das insbesondere in Stausituationen seine Anwendung finden kann. Schriftliche Aufforderungen, groß genug zu Papier gebracht und zum Fenster hinaus gehalten, zwingen die Insassen des Nachbarautos zu Irgendeiner Reaktion. Die gewünschte Reaktion wurde immer dann erreicht, wenn die Aufforderung recht harmlos war. "HUPEN", dies taten fast alle. Bei "AUSZIEHEN" jedoch, blitzte man bei den meisten ab, einer jedoch entblößte sich, sehr zur Freude der Cleeberger, bis auf die Unterwäsche. Das Spiel mußte dann wegen Dunkelheit und Stauende abgebrochen werden.

Der zweite Stop während der Rückreise erfolgte in Geiselwind, wo die älteren Herrschaften dem "Goldenen Lamm" zustrebten, das Jungvolk dagegen suchte McDonald’s auf, um endlich wieder die "deutsche Küche" zu sich nehmen zu können. Die weitere Heimfahrt bestand im wesentlichen aus Konsum. Man verkonsumierte Bier in beiden Bussen, bezüglich der zu verkonsumierenden Musik zeigte sich ein eklatanter Unterschied. Techno-Sound dröhnte aus den Lautsprechern des ersten Busses, während die Stimmung im zweiten Bus mit dem Lied "Ich bin der Bub vom Kleebachtal" dem Höhepunkt entgegenstrebte. Am Späten Sonntagabend trafen alle wohlbehalten wieder zu Hause ein und wurden von den Zuhausegebliebenen herzlich willkommen geheißen.