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3. bis 5. Oktober 1991: Mehrtagesfahrt nach Seis / Südtirol Donnerstag, 3. Oktober 0.10 Uhr, der Bus mit ca. 50 erwartungsfrohen Cleeberger Bürgern verläßt den Ort Richtung Süden. Bereits in Oberkleen gibt es den ersten von noch unzähligen Stops. Hier allerdings nur, weil noch zwei Schmidts (Christel und Burkhard) zusteigen wollen. Die Fahrt verläuft bis kurz hinter München ohne nennenswerte Zwischenfälle, selbst der Bernd schnarcht nicht so laut. Manche unterhalten sich,, andere dösen oder schlafen, jedoch nicht Hans-Rudolf, kurz Rudi genannt, als Busfahrer dar er das nämlich nicht. Dann der erste Stau. Wegen eines Unfalles ist die Autobahn gesperrt, und alles wird einige Kilometer über eine Umleitungsstrecke geschickt.
Das Frühstück nehmen wir noch auf bundesrepublikanischem Boden in der Raststätte "Irschenberg" ein. Wer hier als Dame noch einem menschlichen Bedürfnis nachkommen will, muß entweder die Herrentoilette aufsuchen, oder aber das nächstgelegene Gebüsch in Anspruch nehmen. Die Damentoilette ist nämlich hoffnungslos überfüllt. Was während der Fahrt dann folgt, mag für denjenigen, der die zweifellos beeindruckende Landschaft genießen will, von Vorteil sein, wird allerdings für denjenigen, der möglichst schnell ans Ziel kommen will, zur Tortur; so wohnen, ach, zwei Seelen in des Busreisenden Brust - denn ein Stau jagt den nächsten. Oder liegt etwa Österreich am Stau? Wohl nein, nur hatten zig-Tausende die gleiche Idee wie wir, für ein verlängertes Wochenende in den Süden zu reisen. Auf diese Weise verhindern auch noch Grenzübergänge und Bau- und Mautstellen eine zügige Anreise. Und dann muß auch noch der Medizinische Dienst des MGV (Marianne und Hans-Georg Schmidt) helfend eingreifen. So stauen wir uns bis Bozen und von hier - welch eine Erleichterung - sind es nur noch 14 km bis Seis. Da muß Rudi erneut anhalten. Ein anderer Bus hatte ein ortsübliches landwirtschaftliches Gefährt gerammt oder war es umgekehrt? - Jedenfalls will keiner der Kontrahenten von der Straße weichen. Nach lautstarken Diskussionen und unter Androhung, die Karre den Steilhang hinunter zu werfen, erklärt sich der Agronom bereit, die Ladefläche so zu kippen, daß unser Bus, unter Beifall der Mitreisenden, passieren kann. Gegen 16.30 Uhr läuft der Bus mit den strapazierten, erschöpften und müden Cleebergern in Seis ein. Der 1. Vorsitzende hatte, mit nachträglicher Zustimmung aller, das geplante Konzert in der Aula der Kastelruther Schule abgesagt. Angesagt war dann jedoch Generalprobe, sowohl für den großen als auch für den kleinen Chor, weil dann andere Plätze für spontane Konzerte herhalten sollen. Einer der Solisten des kleinen Chores, der ständig - völlig zu Unrecht - der Unaufmerksamkeit und des Schwätzens bezichtigt wird, hat in seiner Solopartie einen kleinen Patzer, weil er seinen Text plötzlich nicht mehr wußte.
Freitag, 4. Oktober: Dieser Tag ist geprägt durch den Termin des Kastelruther-Spatzen-Konzert (nachfolgend K.-S. genannt), wofür der 1. Vorsitzende Karl-Heinz Schindel die Karten bereits am frühen Morgen organisiert hatte. Vom Vormittag bis ca. 14.00 Uhr steht der Besuch der oberen Seiser Alm mit der ehemaligen "Hessenhütte" auf dem Programm. Man muß frühzeitig zurück sein, denn man will ja zum Konzert der K.-S. Rudi bringt uns zur Busendstation und von dort benutzen einige den Linienbus, andere befestigte und wieder andere unbefestigte Wanderwege, um zur "Hessenhütte" zu gelangen. Am schnellsten sind die mit dem Linienbus, am langsamsten die, auf den unbefestigten Wanderwegen, wobei unser Reisenesthäkchen (Erik Schimpf) nur durch eine sportliche Höchstleistung den Fall in tierische Exkremente verhindern kann. Die "Hessenhütte" bietet für viele vielerlei Erinnerungen. Der eine erinnert sich an das viele Geld, das er für alkoholische Getränke ausgegeben hat, und für andere ist dies der Ort des "ersten Males"; es soll hier sogar Cleeberger Nachwuchs produziert worden sein, aber das ist wohl nur ein Gerücht. Für uns jedenfalls beginnt an diesem geschichtsträchtigen Ort der eigene Konzertreigen. Während auf der Veranda einige noch essen bzw. auf das Essen waren, ertönen von innen die ersten Klänge Cleeberger MGV-Lieder. Auf der Rückwanderung von der "Hessenhütte" zur Linienbus-Haltestelle findet die Fortsetzung dieses Konzertes statt. Ohne Partituren schöpfen sowohl der große, als auch der kleine Chor aus dem reichhaltigen Repertoire. Doris Jung vergleicht dieses Bild mit Szenen aus Heimatfilmen der späten 50er Jahre. Und der Vergleich paßt! Im Vordergrund sehen wir die MGV-Mannen mit dem Lied "Wem Gott will rechte Gunst erweisen" an friedlich weidenden, glücklichen Kühen vorüberziehen, während dahinter ein Almhaus, Wälder und schließlich die hohen Berge die Kulisse bilden. Liegt es nun am warmen Wetter oder an heißgelaufenen Füßen, jedenfalls sehnen sich plötzlich 50 % des Medizinischen Dienstes des MGV nach Abkühlung und finden diese in dem Trinktrog einer Almkuh, wohinein die entblößte Brust getaucht wird. Diese Aktion wird noch Anlaß zu weiteren ernsthaften und medizinisch begründeten Gesprächen sein. In der Nähe der Bushaltestelle befindet sich das Hotel "Saltria". Die Terrasse dieses Hotels ist Schauplatz des nächsten improvisierten MGV-Konzerts. Leider kann dem Wunsch des Hoteliers, länger zu verweilen, nicht Folge geleistet werden, denn man will ja noch zum Konzert der K.-S. Die aktiven Sänger des MGV erhalten am Nachmittag "heilsamen Rat" in Form von Salbeitee, welcher, und das ist dem Gesichtsausdruck anzusehen, nicht jedem mundet, aber der schon stark beanspruchten Stimme wieder ihren Klang verleiht. Al Ausgleich für das vom Vorabend abgesagte Konzert singen wir nun auf dem Kastelruther Marktplatz. Viel Passanten bleiben stehen und spenden reichhaltigen Beifall. Nicht nur der große Chor singt, auch der kleine Chor gibt Kostproben seines Könnens. Der Solist beherrscht hier seinen Text, nur ist es jetzt der 2. Tenor, der patzt. Das Singen in der Kirche kann nicht mehr stattfinden, denn man will ja noch zu den K.-S., derentwegen auch noch das Abendessen vorverlegt wird. Sofort nach dem Abendessen sitzen dann alle erwartungsfrohen Cleeberg K.-S.-Fans fein herausgeputzt im Bus - und der 1. Vorsitzende teilt die Eintrittskarten aus. Plötzlich ein Schrei von vorn: "Doi Koate sei joa fir moann!!" Da tritt ein äußerst seltenes Ereignis ein: Man sieht den 1. Vorsitzenden sprachlos. Als er die Sprache wiederfindet, findet eine kurze Vorstandskrisensitzung statt und man beschließt, den gemütlichen Abschlußabend auf heute vorzuverlegen. Durch Zusteigen der K.-S.-Fans erhöhte sich das Eigengewicht des Busse, wodurch dieser ca. 2 cm nach hinten rollte. Seitens des Vorstands ist geplant, diese verhinterte Busfahrt als "Kürzeste Busfahrt der Welt" in das "Guiness-Buch der Rekorde" eintragen zu lassen. In der nun aufgesuchten Hotelbar entwickelt sich bald, ausgehend von der nachmittäglichen Abkühlungsaktion des Medizinischen Dienstes, die ernsthafte Diskussion über die am Kalkweg einzurichtende Trafo-Station. Mit einem dort deponierten, transportablen Gerät sollen nämlich von medizinisch vorbelasteter Hand und ggf. unter Zuhilfenahme von Händen zweier Damen aus der Cleeberger Sozialstation darniederhängende, männliche Objekte wieder aktiviert werden. Gerade als es um die schwerwiegende Frage geht, ob auch außerhalb Cleebergs derartige Hilfe angeboten werden soll, fällt doch tatsächlich ein Hirschgeweih von der Wand, das jahrelang unbeachtet dort hing. Glücklicherweise wird niemand ernsthaft verletzt, der Vorfall jedoch bietet jede Menge weiteren Gesprächsstoffs: z. B. was wird wohl der Willi gerade gemacht haben, als das Geweih die Doris traf und sie hörnte, oder wie glaubhaft wirkt die Versicherung der Alexandra auf ihren Freund, daß der blaue Fleck auf ihrem Arm nur von einem herunterstürzenden Hirschgeweih herrührt. Mit solchen Überlegungen, mit Singen und Singspielen und mit viel Lachen geht dieser wunderbare Abend zu Ende und der 1. Vorsitzende hat seinen Frust und seinen Ärger - für alle ungewohnt, selbst für seinen Sohn - mit viel gelbem, verdorbenem Wasser ertränkt.
Samstag, 5. Oktober: Dieser Tag wiederum geprägt durch den Termin des K.-S.-Konzerts. Nach Beseitigung des morgendlichen Katers mit Hilfe eines deftigen Frühstücks, setzen sich die Italien-Reisenden nicht in Richtung Starnberger See, wie jemand gemeint hatte, sonder in Richtung Kalterer See, in der Nähe von Bozen, in Bewegung. Das Straßenstück von Seis hinunter nach Bozen bietet für jeden etwas Besonderes: Während der eine die geeignetste Stelle für einen möglichst dramatischen und spektakulären Sturz in die Tiefe sucht, versucht der andere durch Umplatzierung den Schwerpunkt des Busses auf die Bergseite hin zu verlegen. Der Kalterer See bietet vielerlei Möglichkeiten, sich zu unterhalten. Man kann - speziell auf die Eßgewohnheiten der Cleeberger bezogen - drei Unterhaltungsgruppen unterscheiden: 1. die Esser, die sich nur in unmittelbarem Bereich des Busses und der Restaurants aufhalten, 2. die klauenden Esser, die sich schon ein bißchen weiter weg bewegen und sich kurz vor dem Mittagessen noch die Bäuche voller geklauter Äpfel und Weintrauben schlagen und dies mit "Mundraub" begründen, 3. die sportiv-musikalischen Esser, die vor dem Mittagsmahl noch eine kleine Ruder- oder Strampelpartie unternehmen und dabei gemeinsam singen. An dieser Stelle muß eine Richtigstellung der in der Presse veröffentlichten Dokumentation vorgenommen werden: Die "Kleine Wassermusik" auf dem Kalterer See fand zwar statt, jedoch nur unter Teilnahme von einigen Cleeberger Sängern und vor noch weniger Zuhörern. Um genau zu sein, es waren nur vier Sänger und nur ein einziger Zuhörer und der war noch nicht einmal begeistert, sondern - im Gegenteil - höchst verärgert, weil man mit dem Ruderboot in sein Angelrevier eingedrungen war. Schon am frühen Nachmittag geht es wieder zurück nach Seis, um das vorverlegte Abendessen einzunehmen, denn man will ja noch zum Konzert der K.-S. Zwei Stunden vor Beginn des Konzerts sitzen die K.-S.-Fans wider im Bus, mit den nun gültigen Eintrittskarten in der Hand. Hinter Kastelruth, gleich am Konzert-Zelt vorbei, wartet die erste Überraschung auf uns: Busse neben Busse, Autos neben Autos, so weit das Auge reicht. Mit ungutem Gefühl wandern wir Richtung Zelt zur 2. Überraschung: Hier ist wegen Überfüllung geschlossen! Das Eintrittsgeld erhalten wir zwar zurück, aber es bleibt ein bitterer Nachgeschmack über die Ursachen dieses Vorfalls. Später erfahren wir, daß hier organisatorische Mängel vorlagen und daß wohl auch der Schwarzmarkt blühte. Verärgert, enttäuscht und ein bißchen resignierend fahren wir ins Hotel zurück. An diesem Abend will jedoch keine rechte Stimmung mehr aufkommen. Enttäuschung mischt sich schon mit ein wenig Abschiedsgefühl, und exakt in diese Stimmung paßt die von unserem Dirigenten vorgetragene "GAR SCHRÖCKLICHE" Moritat von dem Gymnasiasten Gottfried August Seidelbast.
Sonntag, 6. Oktober, der Tag des Abschieds. Gleich nach dem Frühstück werden Lobes- und Dankesreden gehalten. An die jungen Sänger für ihr vorbildliches Verhalten und an die älteren Herrschaften - für ihre Rücksichtnahme und ihre Integrationsbereitschaft, schließlich Lob der Hotelleitung an uns alle für unsere Disziplinhaftigkeit. Übrigens erfahren wir in diesem Zusammenhang, daß wir am Freitag-Abend die schier unglaubliche Menge von 62 Litern Bier verkonsumiert hatten (für italienische Verhältnisse wohl sehr viel) und daß wir schlechte Esser waren, was nun absolut keiner verstehen konnte. Kurz vor der Abfahrt verabschieden wir uns von der Hotelleitung und von Seis mit drei Liedern, und es fließen einige Abschiedstränen. Anschließend ist noch Fototermin, wobei 50 % des Medizinischen Dienstes des MGV ein ortsübliches landwirtschaftliches Gefährt erklimmen, um von höherer Warte "Lebe wohl" zu sagen. Gleich hinter Bozen fällt auf, daß alle diejenigen, die wir bereits am Donnerstag in den Süden haben fahren sehen, mit uns wieder den Weg nach Norden angetreten haben. Es staut sich etwa bis Würzburg, mal mehr, mal weniger. Unterwegs sorgt Herr Bohm für musikalische Abwechslung, indem er immer wieder neue Lieder anregt, aber auch altbekannte Weisen werden gesungen. Alexandra Viehmann gibt in Versform ihre Eindrücke dieser Fahrt wider und erntet dafür großen Applaus. Mit ca. 4-stündiger Verspätung treffen wir wohlbehalten in Cleeberg ein.
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